VDI Nachrichten: Das Geschäft der ALS Automatic Logistic Solutions ist das Auspacken.

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VDI Nachrichten: Die An- und Auspacker.

Von Matilda Jordanova-Duda | 9. Oktober 2015 | Ausgabe 41

Einpacken können viele. Das Geschäft der ALS Automatic Logistic Solutions ist das Auspacken. Das Jungunternehmen hat Maschinen entwickelt, die Kartons automatisch greifen und öffnen. Das soll sich für jede Firma lohnen, bei der mehr als 2000 Kartons pro Tag an Waren oder Retouren eingehen.

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BOS, das Box Opening System, kann chaotisch einfahrende Kartons auf verschiedene Weise öffnen.

„Am Wareneingang schneiden sich unsere Leute immer in die Finger“, beklagte sich ein Autozulieferer beim Maschinenbau-meister Bernhard Hörl. Die meisten Kartons würden nämlich von Hand geöffnet. Daraufhin erfand Hörl einen automatischen Paket-Öffner. Paul Kammerscheid, selbstständiger Transaktions-Berater mit Gründungserfahrung, war von der Idee derart überzeugt, dass er investierte. 2013 gründeten die beiden ihre ALS. Mittlerweile liefern sie die ersten Maschinen aus und sind mit Aufträgen bis ins Jahr 2016 hinein eingedeckt.

VDI Nachrichten - Porträt in Ausgabe 41, 9. Oktober 2015

Paul Kammerscheid, CEO von ALS, hat Gründungserfahrung und war Partner einer VC-Gesellschaft.

„Weil unsere Maschine jeden Karton einzeln vermisst, können wir mit Paketen verschiedener Größen arbeiten, die durcheinander vom Band einfahren“, so Geschäftsführer Kammerscheid. Bestimmte Maße dürfen jedoch nicht über- bzw. unterschritten werden: Eine Defekterkennung sortiert unpassende und stark eingedrückte Verpackungen aus.

 

 

Der einfahrende Karton wird zunächst festgeklemmt. Optische Sensoren erkennen die Maße. Dann setzt der Schneidekopf oben an und fährt um den Karton herum. Dem Messer ist ein weiterer Fühler vorgeschaltet: Er meldet, wenn eine Ecke erreicht ist.

Das Box Opening System (BOS) beherrscht sieben Arten von Schnitten: Es kann z. B. den Deckel komplett abtrennen. Alternativ öffnet es nur drei Seiten, um den Deckel abklappen zu können. Oder es durchtrennt Klebestreifen, die mittig über den Karton verlaufen. Möglich sind auch Schnitte, bei denen kleine Verbindungen an den Ecken bestehen bleiben. Bei Bedarf lässt sich der Karton dann mühelos von Hand öffnen. Bis dahin allerdings bleibt die Ware geschützt.

Art und die Tiefe des Schnitts müssen eingestellt werden. Die Pappdicke wird nicht automatisch erkannt. Je nach Branchen seien aber bestimmte Wandstärken üblich. „Das testen wir mit dem jeweiligen Kunden“, erzählt Kammerscheid.

Zu tief werde selten geschnitten. Um im Fall der Fälle Beschädigungen der Ware zu vermeiden, kämen eigens entwickelte, zum Patent angemeldeten Rundklingen zum Einsatz. „Die verwenden wir in erster Linie für Textilien. Wenn sie auf Ware treffen, rollen sie drüber und drücken sie weg, ohne sie zu beschädigen“, erzählt der Geschäftsführer. Auch mit ausgebeulten Kisten werde das BOS inzwischen fertig: Der Sensor, der dem Messer vorausläuft, tastet die Krümmung ab.

Eine andere Maschine aus dem ALS-Portfolio ist spezialisiert auf die Windows-Methode (WIM). Sie schneidet Fenster aus den Stirnseiten der Kartons. Das erleichtert die Kommissionierung im Versandhandel. In die entstehenden Öffnungen greifen die Picker hinein, um etwa ein Stück Wäsche oder ein T-Shirt herauszuholen. Solche Fenster per Hand zu schneiden, berge das höchste Verletzungs- und Warenbeschädigungsrisiko, meint Kammerscheid. WIM automatisiert den Vorgang: Der Karton wird zunächst an der Stirnseite angesaugt. Dann wird er leicht gekippt, damit die enthaltene Ware nach hinten rutscht. Abschließend wird die definierte Fläche herausgetrennt.

Alle ALS-Maschinen sind Stand-alone-Lösungen. Sie lassen sich aber miteinander kombinieren. Jüngster Spross in der Familie ist ROC. Dahinter verbirgt sich ein Roboter, der Kartons von der Palette nimmt und sie aufs Band legt. Bei Bedarf kann er so ausgestattet werden, dass er Kartondeckel abhebt, den Inhalt auskippt und das leere Behältnis abtransportiert.

Für einen Paketöffner bezahlt der Kunde zwischen 130 000 € und 140 000 €. „Das lohnt sich für alle, die mehr als 2000 Kartons pro Tag erhalten“, so Kammerscheid. Neben der Menge könnten aber auch andere Faktoren den Ausschlag geben. Ein potenzieller Kunde bekäme zwar nur 600 Kartons pro Tag, diese seien aber oft bakteriell belastet. Die Mitarbeiter müssten Schutzkleidung tragen und die Räume regelmäßig desinfizieren. „Wenn die Maschine in einem abgekapselten Raum die Kartons öffnen und auskippen würde, käme der Inhalt in die Waschmaschine, ohne dass ein Mensch ihn anfasst.“

Einen Karton maschinell aufzuschneiden dauert nach Firmenangaben 6 s und koste ca. 0,03 €. Ein solches System ersetzt fünf erfahrene Personen, hat Kammerscheid ausgerechnet. Zudem entfielen die Kosten für Arbeitsunfälle. Immerhin verletzten sich Mitarbeiter beim Hantieren mit Messern rund 30 000 Mal jährlich, zitiert er Zahlen der Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution.

Weltweit gebe es nur einen Konkurrenten: Die Maschine der Amerikaner sei jedoch langsamer und viermal teurer, so Kammerscheid.

Startkapital schöpften die Gründer aus verschiedenen Quellen. Die technische Entwicklung wurde mitfinanziert durch Innovationsgutscheine des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Bei der schutzrechtlichen Absicherung half das Förderprogramm Signo. Und um den Vertrieb auszubauen, warb das Unternehmen eine halbe Million Euro vom Hightech-Gründerfonds und einem Privatinvestor ein. Ob weitere Finanzierungsrunden nötig sind, ist noch nicht abzusehen. Zur Zeit arbeitet eine Handvoll Mitarbeiter im Werk Erligheim bei Stuttgart in der Entwicklung und Endmontage. Programmierung und Marketing sind ausgelagert. Um die Kosten niedrig zu halten, lässt das Start-up bestimmte Teile nach seinen Zeichnungen fertigen und kauft Standardelemente zu. Kammerscheid: „Wir wollen möglichst gleiche Bauteile in den verschiedenen Maschinen einsetzen, auch um die Lagerhaltung zu minimieren.“

VDI Nachrichten: Von Matilda Jordanova-Duda | 9. Oktober 2015 | Ausgabe 41